Interview: Die hohe Kunst des passenden Augenblicks
Pflegekultur: Aus einer persönlichen Familiengeschichte ist über acht Jahre hinweg ein Buch gereift. Wie kam es zu dem Entschluss, diese privaten Erfahrungen öffentlich zu machen?
Erich Weidmann: Von Berufswegen trug ich bereits viele Erfahrungen und Geschichten in mir, als Demenz in unserer eigenen Familie zum Thema wurde. Mein Bruder führte uns damals in eine digitale Plattform ein, um ein gemeinsames Tagebuch zur Organisation zu führen. Doch was als Planungstool begann, entwickelte sich schnell zu einem Raum für Austausch und Reflexion. Nach dem Tod unserer Mutter wurde uns allen bewusst, wie wertvoll diese acht Jahre voller Einträge waren. 2018 entstand eine erste Skizze, die nun über die Zeit gereift ist – ein organischer Schritt-für-Schritt-Prozess.
Pflegekultur: Beim Sichten des Materials fiel Ihnen auf, dass Sie fast natürlich eine Kultur entwickelt haben, die auf das Schaut, was möglich ist – Sie sprechen sogar davon, die „Künstlerin“ in Ihrer Mutter zu suchen. Wie hat das Ihre Perspektive verändert?
Erich: Es war faszinierend zu sehen, wie Mutter ihren Alltag gestaltete, auch wenn uns das nicht immer logisch erschien. Wir begannen, das Gelingende zu suchen. Besonders berührt hat mich, dass auch Außenstehende – wie Besucher der Kirchgemeinde oder die Spitex – diese „Künstlerin“ in ihr fanden, sobald wir ihnen den Zugang dazu ermöglichten. Diese Perspektive auf das Hier und Jetzt zu lenken, dabei hat mir auch die Stiftung Lebensqualität enorm geholfen. Deshalb ist es mir so wichtig, das Buch gemeinsam mit ihnen zu realisieren.
Pflegkultur: Wenn ein pflegender Angehöriger nach einer schweren Nacht bei Ihnen das Buch bestellt – was möchten Sie dieser Person mitgeben?
Erich: In solchen Momenten spüre ich oft meine eigene „Ohne-Macht“. Ich wäre vermutlich erst einmal tief berührt, dass sich diese Person auf die Situation einlässt. Ich würde mich bedanken, dass sie den Mut hat, diese Nacht vor mir auszubreiten. Mein Wunsch ist, dass meine Worte helfen, auch in den nächsten Nächten als „Suchende im Moment“ unterwegs zu sein – und in passenden wie unpassenden Erfahrungen die Hoffnung nicht zu verlieren. Genau dazu möchte mein Buch „Wir sind doch alle irgendwie Künstler – was Demenz uns lernte“ ermutigen.