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«Man muss nicht weggehen, um zu helfen»

03.01.2018
von Marion Loher

Lara Robbiani Tognina und ihre freiwilligen Mitarbeitenden helfen Flüchtlingen bei ihrem Start in der Schweiz. Im Interview spricht die Initiantin des Projekts «Accoglienza migranti in Ticino» über ihren Antrieb, Kritik aus konservativen Kreisen und das schönste Kompliment.

Lara, was brauchen Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in der Schweiz am dringendsten?

Ein freundliches Lächeln, denn die meisten Flüchtlinge haben auf ihrer Reise Schlimmes gesehen. Und dann sicherlich frische Kleider.

Beides bekommen die Flüchtlinge von dir und deinen freiwilligen Mitarbeitenden dank eurem Projekts «Accoglienza migranti in Ticino». Was steckt dahinter?

Alles begann vor drei Jahren mit der grossen Flüchtlingswelle. Ich wollte helfen, wusste aber nicht wie. Dann sagte eine Freundin, wir können Kleider sammeln und sie den Flüchtlingen bringen. Mit all den Sachen reisten wir nach Mailand, da die Stadt zu jener Zeit ein Brennpunkt war. Daraufhin fuhren wir einmal pro Woche nach Mailand, dann kam Como hinzu und es folgten Unterkünfte und Aufnahmezentren im Kanton Tessin.

Mittlerweile hast du einen Verein gegründet und in Bellinzona ein Haus bezogen.

Das Haus haben wir seit November 2016. Zuvor hatte ich die Kleider in meinem Keller gelagert, doch der platzte allmählich aus allen Nähten. In Bellinzona haben wir genügend Räume und können auch weitere Sachspenden annehmen, wie kleinere Möbelstücke oder Spielsachen.

Gehst du weiterhin vor Ort und verteilst Kleider?

Nicht mehr nur. Seit diesem Sommer können die Flüchtlinge auch zu uns kommen. Unser Haus hat jeden Donnerstag für sie geöffnet. Sie können italienisch, nähen oder tanzen lernen oder einfach nur reden und einen Kaffee trinken. Möglich ist das aber nur dank der rund 50 freiwilligen Mitarbeitenden.

Flüchtlinge polarisieren. Musstest du wegen deines Engagements auch schon Kritik einstecken?

Sicherlich gab es kritische Worte, vor allem von konservativen Politikerinnen und Politikern. Aber ich habe immer versucht zu zeigen, dass das, was wir machen, nicht nur den Flüchtlingen Freude macht, sondern auch uns. Denn es gibt viele, die gerne helfen. Einige sagten, sie seien zwar dagegen, würden aber sehen, dass die Kinder frieren und Kleider brauchen. Auch sie gaben etwas.

Du hast per Crowdfunding Geld gesammelt. Wofür ist es gedacht?

Für den Verein. Er wächst und braucht professionelle Strukturen. Der administrative Aufwand und die Fixkosten haben sich wegen des Hauses erhöht. Die Sachen, die wir gratis abgeben, bleiben Spenden. Einzig die Unterwäsche kaufen wir oder vielleicht einmal ein paar Schuhe.

Das Geldsammeln verlief harzig. Wo siehst du die Gründe dafür?

Viele haben mir gesagt, dass sie das Vorgehen auf der Plattform nicht verstanden haben. So drückten sie mir das Geld einfach in die Hand oder überwiesen es auf das Konto. Für mich war es aber eine gute Möglichkeit, das Projekt überregional bekannt zu machen.

Du engagierst dich stark. Was treibt dich an?

Als ich klein war, wollte ich Ärztin werden und den Menschen in Afrika helfen. In Afrika war ich nie, aber ich habe gemerkt, dass man nicht weggehen muss, um zu helfen. Mit den Flüchtlingen aus Eritrea ist Afrika nun auch ein bisschen bei uns – und die Menschen brauchen meine Hilfe.

Welches ist der schönste Dank, den du bis anhin erhalten hast?

Jemand hat mich als «Mutter der Flüchtlinge» bezeichnet. Das hat mich zu Tränen gerührt.

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