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Lebensmittel verteilen statt wegwerfen

03.01.2018
von Marion Loher

Es ist Freitagnachmittag, kurz vor 14 Uhr. Das Lokal des E-Treffs im Zentrum von Rheineck füllt sich allmählich. Frauen, Männer, Kinder – Schweizer und Ausländer – nehmen Platz an einem der hübsch gedeckten Tische.

Unter ihnen ist auch eine junge Brasilianerin mit italienischen Wurzeln. 26 Jahre alt ist sie, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Vor ihr steht eine grosse Einkaufstasche. «Ich komme jeden Freitag hierher, um Lebensmittel abzuholen», sagt sie mit leicht gesenktem Blick. Ihren Namen möchte die Frau, die vor 16 Jahren in die Schweiz gekommen ist und heute mit ihrer Familie in St. Margrethen lebt, nicht nennen. Zu sehr schäme sie sich, dass sie dieses Angebot nutzen müsse. «Aber mit drei Kindern ist es schwierig, Arbeit zu finden», sagt sie auf Schweizerdeutsch. Ihr Mann arbeite zwar, das Geld reiche trotzdem nicht.

Schwieriges Crowdfunding

So wie die junge Mutter kommen etwa 50 Personen – Alleinstehende und Familien – jeden Freitag zum E-Treff nach Rheineck. Sie leben unter dem Existenzminimum und sind auf Unterstützung angewiesen. Mit der Bescheinigung des Sozialamts bekommen sie hier Esswaren. Ausserdem können sie sich alle zwei Wochen für einen kleinen symbolischen Beitrag die Haare schneiden lassen, Deutschkurse besuchen, Kleider tauschen oder einfach einen Kaffee trinken.

Hinter dem E-Treff steckt der gleichnamige Verein. Präsidiert wird er von Jenny Bühler. Sie war es, die vor bald sieben Jahren zusammen mit weiteren Frauen den E-Treff ins Leben gerufen hatte. «In der Schweiz werden jährlich tonnenweise Lebensmittel weggeworfen, während die von Armut betroffenen Menschen kaum über die Runden kommen», sagt Jenny Bühler. «Mit dem E-Treff wollen wir ein Zeichen setzen und Lebensmittel verteilen, nicht wegwerfen.» Die Lebensmittel erhält der Verein von der Schweizer Tafel. Die Stiftung sammelt diese bei Grossverteilern, Detaillisten oder Produzenten ein und verteilt sie weiter an soziale Organisationen. Zusätzlich erhält der E-Treff von einem Restaurant und einer Bäckerei Lebensmittelspenden.

Das Angebot wird rege genutzt. So gut, dass ein grösserer Raum gemietet werden musste. Mit dem Geld aus dem Crowdfunding wurde eine Küche eingebaut sowie Tische, Stühle und Geschirr angeschafft. «Wir sind froh, das Geld zusammen bekommen zu haben», sagt die Vereinspräsidentin. Einfach sei es nicht gewesen. «Leider sind viele skeptisch, wenn es um die Unterstützung sozialer Projekte geht, die zum Teil auch Ausländer betreffen.» Doch die Frauen und ihre 25 freiwilligen Helferinnen und Helfer haben sich nicht entmutigen lassen.

Kinder lieben frische Erdbeeren

Der neue E-Treff kommt gut an. Auch der Brasilianerin gefällt er. Trotzdem: So ganz wohl fühlt sie sich nicht. «Ich bin auch schon beschimpft worden, als ich das Lokal verlassen habe», sagt sie. Dann wird ihre Nummer aufgerufen und sie verschwindet im hinteren Teil des Lokals. Eine Helferin füllt die Tasche mit Milch und Brot, frischem Obst und Gemüse. Die junge Mutter strahlt. «Es hat frische Erdbeeren, die lieben die Kinder», sagt sie. «Ich bin dankbar, dass es diese Lebensmittelabgabe gibt. Erdbeeren beispielsweise könnten wir uns nicht leisten.»

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